Kirchenentdeckungen (3): ohne Zweifel gehörnt

Nachricht 15. September 2020

Hörner - der Mose, der im Nordschiff der St. Katharinenkirche zu entdecken ist, trägt Hörner, kunstvoll aus dem Haar herausgearbeitet - zu kunstvoll, um eine optische Täuschung zu sein. Seine Bedeutung ist an der wertvollen Kleidung und seiner kunstvollen Frisur zu erkennen - und ohne Zweifel ist er zu identifizieren allein schon an der Gesetzestafel, die er uns entgegen hält. Aber auch seine Hörner sind ein eindeutiges Merkmal für die Darstellung des Moses seit dem Hochmittelalter. Ursache ist ein Übersetzungsfehler des Kirchenlehrers Hieronymus, der bei der Übersetzung der Bibel ins Lateinische Ex 34,35 falsch übertrug und aus dem „strahlenden Antlitz“ des Mose eben ein „gehörntes“ machte. Offensichtlich hat die damit gestellte Aufgabe den Künstlern viel Freude gemacht - denn selbst als der Übersetzungsfehler korrigiert worden war, bemühte man sich weiter um kunstvolle Hörner für Mose - so wie Michelangelo bei seiner Mosedarstellung.

Die Hörner - sie machen Mose zusammen mit den Gesetzestafeln ohne jeden Zweifel erkennbar - und der Künstler der Mosedarstellung in St. Katharinen konnte auch im 19. Jahrhundert noch unter Beweis stellen, dass er mit der christlichen Kunstgeschichte vertraut war.

Eindeutig ein Mose - dabei entbehrt es nicht der Ironie, dass der Künstler für eine protestantische Kirche eine Darstellung wählte, die auf einen Fehler in einer für den Katholizismus hoch bedeutsamen lateinischen Bibelübersetzung beruht.

Eindeutig auch: Hinter manchen Eindeutigkeiten verbergen sich lange Geschichten, Missverständnisse, prachtvolle Kunst und auch eine Prise Humor.

(Vikarin Dr. Jutta Tloka)

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